Let me recrutain you! – Recrutainment, wenn die Bewerbung zum Computerspiel wird

17.07.2017

Ein Computerspiel sagt mehr über einen Kandidaten als ein Bewerbungsgespräch. Immer mehr Unternehmen setzen auf innovatives Recrutainment.Klassische Stellenanzeigen ziehen heute oft nicht mehr auf der Jagd nach jungen Talenten. Wer als Arbeitgeber in Zeiten des Fachkräftemangels Talente für sich gewinnen möchte, muss sich bei der Kandidatenansprache schon etwas einfallen lassen. Recrutainment heißt das neue Zauberwort. Es soll Innovation, Interaktion sowie Spaß in die Bewerberansprache und den Bewerbungsprozess bringen – entscheidende Vorteile in Zeiten des War for Talents.

Mit Recrutainment junge Talente erobern

Computerspiel statt Bewerbungsgespräch? Immer mehr Unternehmen setzen auf innovatives Recrutainment, um gezielt junge Talente anzusprechen und die passenden Kandidaten für ihre Vakanzen herauszufiltern. Zukünftig wirst du daher immer seltener deinen Lebenslauf präsentieren müssen. Stattdessen jagst du vielleicht virtuelle Monster im Team durch die Gegend und verrätst deinem zukünftigen Arbeitgeber so mehr über dich, als du es je freiwillig in einem Vorstellungsgespräch tun würdest.

Die Recrutainment-Formel: Spaß gegen Information

Recrutainment? Den Begriff hast du noch nie gehört? Dahinter steckt der Versuch, klassische Formen der Talentrekrutierung mit Infotainment und Unterhaltung zu verknüpfen. Das Gute daran: Du als Bewerber hast mehr Spaß an der Bewerbung und lernst deinen zukünftigen Arbeitsplatz spielerisch kennen. Dein potenzieller Arbeitgeber erhält wiederum viele interessante Fakten zu deinen Fähigkeiten und zu deinem Persönlichkeitsprofil. Gleichzeitig lässt sich ein Spiel schwieriger manipulieren als ein Lebenslauf;-)

Recrutainment im Groß(konzern)einsatz

Selbst große Konzerne setzen mittlerweile auf Recrutainment, um gezielt junge Talente für Führungspositionen anzusprechen. So füllen Bewerber bei einem großen Konsumgüterkonzern beispielsweise im ersten Schritt ein Onlineformular aus und werden anschließend zu einem Spiel-Assessment eingeladen. Dabei müssen sie sich 20 Minuten lang verschiedenen Spielsimulationen stellen. Der Konzern setzt sie als Filter ein, um in der Vielzahl der Bewerbungen geeignete Kandidaten zu finden. Die Spiele sagen so viel über die Bewerber aus, dass das Zuschicken eines Lebenslaufes nicht mehr nötig ist.

Ganz verlässt sich der Konzern allerdings nicht auf das Spiele-Assessment. Nach dem spielerischen Kennenlernen folgen Onlineinterviews mit den Bewerbern, bevor im letzten Schritt auf die favorisierten Kandidaten ein wiederum virtuelles Discovery Center wartet, in dem sie mit Konkurrenten kooperieren müssen.

Ein Game sagt mehr als tausend Worte

Gute Recrutainment-Anwendungen sind klug ausgetüftelt und führen während du zockst eine ziemlich genaue Analyse deiner Persönlichkeit durch. Teamplayer oder Einzelgänger? Risikofreudig oder vorsichtig? Kreativ? Problemlösungsorientiert denkend? Das Programm untersucht genauer, wie du als Spieler tickst. Aus deinem Spielverhalten kann es viel über deine Persönlichkeit und deine Fähigkeiten ableiten. Eine entsprechende Einschätzung gibt es an die Personalverantwortlichen deines potentiellen, neuen Arbeitgebers weiter.

Im Gegensatz zum oft steifen Bewerbungsgespräch schaffen es Recrutainment-Anwendungen dabei, den Bewerbungsprozess entspannt und locker zu gestalten.

Recrutainment mal ganz praktisch

Viele Unternehmen tüfteln an Recrutainment-Lösungen. Das müssen allerdings nicht immer Computerspiele sein. Wir haben ein paar Beispiele für dich zusammengestellt, die dir zeigen, wie vielfältig und kreativ gutes Recrutainment aussehen kann.

Wasabi Waiter: Recrutainment als Online-Rollenspiel

Ein Klassiker. Das US-amerikanische Start-up Knack schickt Bewerber in ein Videospiel, in dem die Kandidaten ihre Kreativität und ihre Fähigkeiten zum Multitasking unter Beweis stellen müssen. Das Game hat den tollen Titel „Wasabi Waiter“ und lässt den Bewerber als Kellner Aufgaben erfüllen.

Berufsorientierung, genau auf dich zugeschnitten

Die „Praxis Checks“ des Modehändlers Peek & Cloppenburg helfen jungen Menschen spielerisch bei der Berufsorientierung im Einzelhandel. Über die Mobile-App erhalten die Nutzer realistische Einblicke in typische Aufgaben und Tätigkeiten eines Kaufmanns im Einzelhandel oder eines Handelsfachwirts.

Berufsorientierung maßgeschneidert – Ausbildungen und Duales Bachelorstudium in P&C-Praxis-Checks spielerisch-simulativ ausprobieren

Jobs zum Abheben: Berufsorientierungsspiel der Lufthansa

Auch die Lufthansa bietet jungen Talenten die Chance, sich spielerisch über Berufe im Luftverkehr zu informieren. Mit einem Spiel zur Berufsorientierung können Schüler den richtigen Ausbildungsplatz bei der Airline für sich finden.

Spiel zur Berufsorientierung der Lufthansa. Quelle: CYQUEST

Spiel zur Berufsorientierung der Lufthansa. Quelle: CYQUEST

Abenteuerlich: Recrutainment per Live-Escape-Game

Eine andere Form des Recrutainments erinnert an das beliebte TV-Format Big Brother. Die Bewerber werden in einem Container mit unterschiedlichsten Aufgaben konfrontiert und müssen abschließend wieder einen Weg nach draußen finden.

Zocker bevorzugt?

Haben Arbeitgeber mit Recrutainment den heiligen Gral für die Bewerberansprache der Zukunft gefunden? Wahrscheinlich nicht. Es gibt viele kritische Stimmen zur neuen Spielfreude in den Personalabteilungen. Etwa: Werden computerspielaffine Personen – meist Männer;-) – durch derartige Bewerbertests bevorzugt?

Klare Erkenntnisse gibt es dazu bislang nicht. Bisher fehlen wissenschaftliche Studien, die die Verlässlichkeit dieser neuartigen Form der Bewerberauswahl genauer unter die Lupe nehmen. Mit der Menschenkenntnis, Empathie und Urteilsfähigkeit von erfahrenen Personalmitarbeitern können es die Algorithmen nach Ansicht einiger Experten jedenfalls nicht aufnehmen. Häufig stecke hinter den modern aufgemachten Spielen nicht viel mehr als ein ganz normaler Intelligenztest.

Stress pur statt Bewerbungsspaß?

Andere Recrutainment-Formate versetzen Bewerber stärker in Stress als die ohnehin wenig geliebten Assessment-Center. Schließlich droht bei einem Durchhänger im Spiel jederzeit ein GAME OVER für den Kandidaten! Das ist paradox, denn häufig versuchen Unternehmen durch Recrutainment gerade die Bewerber zu erreichen, die sich vor Assessment-Centern fürchten.

Knock out für ältere Bewerber?

Ein weiterer Kritikpunkt: Nicht alle Bewerber lassen sich durch Recrutainment und Gamifizierung ansprechen und erreichen. Die spaßorientierte Bewerberansprache begeistert vor allem junge Talente aus den Generationen Y und Z. Sie leben die Digitalisierung und können es sich aufgrund des akuten Fachkräftemangels leisten, nach einem passenden Arbeitgeber zu schauen.

Ältere Bewerber hingegen fallen beim Recrutainment durchs Raster. Unternehmen, die zugunsten des Recrutainments ganz auf den klassischen Bewerbungsprozess mit Anschreiben, Lebenslauf und Vorstellungsgespräch verzichten, verlieren so wertvolle Kandidaten.

Ein teures Vergnügen

Zudem kann Recrutainment für die Arbeitgeber schnell zu einem teuren Spaß werden. So kann eine ausgefeilte Recrutainment-Kampagne schnell mal 30.000 Euro kosten. Andererseits sind auch die Kosten für gute Personaler hoch. Zudem können Recrutainment-Anwendungen Unternehmen durchaus dabei helfen, teure Fehleinschätzungen bei der Bewerberauswahl zu vermeiden. So entwickelte das französische Postunternehmen Formaposte ein spezielles Online-Spiel zur Auswahl von Azubis, um der vorher sehr hohen Abbrecherquote Herr zu werden.

Unsere Quellen und mehr Informationen

www.welt.de/wirtschaft/karriere/
bewerbung.com
t3n.de/news/
www.spiegel.de/karriere/
www.manager-magazin.de
www.zeit.de
karrierebibel.de